Vor 30 Mio. Jahren lebten in den tropischen Regenwäldern Afrikas die Affen nicht viel anders als heute. Sie verbrachten den Tag hoch oben im Laubwerk der Bäume, kletterten von Ast zu Ast und benutzten ihre langen Schwänze, um das Gleichgewicht zu halten, wenn sie auf allen Vieren stehen blieben oder wenn sie auf der Suche nach Früchten von Baum zu Baum sprangen. Etwa zur gleichen Zeit nutzte eine anders Affenart, die wesentlich größer war, die größere Spannweite ihrer Arme. Sicherlich zunächst rein zufällig entwickelten sie eine neue Methode der Futtersuche. Ihre Technik war das Hangeln. Indem diese Tiere sich mit einer Hand an einen Ast hängten und dann in die entsprechende Richtung schwangen, konnten sie Früchte erlangen, die zuvor außerhalb ihrer Reichweite waren. Damit konnten sie einen neuen Nahrungsraum erobern, den die anderen Affen nicht nutzen konnten.

Allmählich gingen diese „Erfinder“ der luftigen Methode des Pflückens von Nahrung vom passiven Baumeln zum aktiven Schwingen über. Im Laufe der Evolution entwickelten sie beweglichere Handgelenke und noch längere Arme. Und da sie jetzt ihr Gleichgewicht auf neue Weise halten konnten, wurden ihre Schwänze überflüssig und verschwanden letztlich. Aus ihnen war ein neuer Zweig im Stammbaum des Lebens entstanden • die Vorfahren der Menschenaffen.

Über zahlreiche Generationen führte ihre neue Lebensweise zu weiteren Anpassungen. Weil die andere Ernährung wahrscheinlich intensiveres Kauen und Zermalmen erforderte, entwickelten dies Affen festere Backenzähne mit fünf- statt bisher vierhöckrigen Kronen. Allmählich wurde auch ihre Körperhaltung aufrechter als die ihrer Vorgänger. Durch ihre zunehmende Fähigkeit zu sitzen statt zu kauern, behielten sie ihre Hände frei für wichtigere Aufgaben wie Pflücken, Stoßen, halten, Schlagen und Untersuchen. Damit erhielten sie einen deutlichen Vorsprung vor den primitiven Affen, die eine Nuss oder eine kleine Frucht zwar auch ergreifen konnten, sie aber beispielsweise fallen lassen mussten, wenn sie zur Flucht gezwungen waren, weil sie dazu alle vier Extremitäten brauchten. Die neue Affenart konnte aber entkommen und die Beute dennoch mit einer Hand festhalten. Als bedeutende Anpassung kam hinzu, dass die Affen umso intelligenter wurden, je mehr sie ihre Hände gebrauchten. Die zunehmende Geschicklichkeit der Hände erforderte ein angepasstes Wachstum ihres Gehirns. Das wiederum stattete sie mit der Intelligenz aus, immer schwierigere Aufgaben durchzuführen.

Ungefähr vor 15 Mio. Jahren wurde das Klima auf der Erde allmählich trockener. In den großen, üppigen Regenwäldern, wo stets Nahrung zu finden war, dominierten jetzt Laubbäume. In vielen Teilen der Erde verwandelte sich der Wald in eine Savanne, die nur noch aus offenem Grasland mit vereinzelten Bäumen bestand.

Plötzlich mussten sich die Waldbewohnenden Tiere diesen neuen Umweltbedingungen anpassen. Solche, die auf dem Boden lebten, brauchten nur ihre Nahrung umzustellen. So fraßen Antilopen und Wildpferde anstatt Blätter nur Gras. Aber Tiere, die in den Bäumen zu Hause waren, mussten sich radikaler umstellen.

RAMAPITHECUS

Der erste Affe, der sich nach unserem heutigen Wissensstand erfolgreich dem Leben außerhalb der Wälder anpasste, war höchstwahrscheinlich der Ramapithecus. Versteinerte Überreste des Ramapithecus fand man in so weit von einander entfernt liegenden Regionen wie Spanien und China. Die zahlreichsten Funde kommen aus den Vorbergen des Himalajas in Pakistan. Dort haben 13 Mio. Jahre Erosion eine fast 3000 Meter dicke Sedimentschicht hinterlassen. In diesen Sedimenten wurden mehrere 10 bis 12 Mio. Jahre alte Kiefer und Schädel von verschiedenen Arten des Ramapithecus gefunden.

Der Ramapithecus war von bescheidener Statut und maß nicht mehr als 1,20 Meter. Am deutlichsten unterscheiden ihn seine Zähne von den anderen Affen. Die bei früheren Primaten dolchförmigen Eckzähne hatten sich verkleinert, bis sie nicht viel größer als die Schneidezähne waren. Die Kronen der Backenzähne hatten dicke, widerstandsfähige Schichten von Zahnschmelz entwickelt. Durch diese Anpassungen war der Ramapithecus nun in der Lage, seinen Unterkiefer unbehindert von vorspringenden Eckzähnen seitlich hin und her zu bewegen und die Nahrung zwischen den jetzt verstärkten Backenzähnen zu zermalmen. Dies war nun nicht mehr das Gebiss eines Lebewesens, das sich von weichen, matschigen Tropenfrüchten ernährte, die es von Bäumen pflückte, sondern das eines Tieres, das von harter Nahrung wie Grassamen und Körnern lebte. Der erste Affe, so erscheint es heute, war somit endgültig von den Bäumen heruntergestiegen.

Lange klaffte eine riesige Lücke von immerhin rd. 5 Mio. Jahren zwischen den Überresten des Ramapithecus und den zeitlich darauf folgenden Fossilfunden. So existierten keine Fossilbelege, die den Übergang vom Affen zum ältesten Vorfahren des Menschen belegen könnten. Analysen der Erbsubstanz DNA lassen allerdings darauf schließen, dass die Aufspaltung zwischen dem Menschen und dem ihm am nächsten verwandten Schimpansen vor ca. 5-7 Mio. Jahren erfolgt sein dürfte.

SENSATIONELLE FOSSILIENFUNDE

Im Jahr 2000, zur Jahrtausendwende, stoßen Forscher in Kenia auf Knochenfunde, die die Fachwelt aufhorchen lassen: Sie gehören zu einem Wesen, das etwa so groß wie ein Schimpanse gewesen sein muss und das zumindest zeitweise bereits aufrecht auf zwei Beinen ging. Seine Nahrung kaute es mit Kiefern und Zähnen, deren Struktur der unseren recht ähnlich ist. Kurzum, es handelte sich um die Überreste eines Hominiden, also eines Vormenschen. Nun hatte man davon bereits viele gefunden, aber die Überraschung war, dass die Datierung ein Alter der Knochenfunde von ca. 6 Mio. Jahren ergab. Damit schien dieser rasch „ Millenium-Mensch „ , mit wissenschaftlichem Namen Orrorin tugenensis, getaufte Hominide unser ältester Vorfahr zu sein, und der überlieferte Stammbaum der Hominiden konnte plötzlich weiter als je zuvor zurückverfolgt werden. Bis dahin hatte ein Fund aus dem Jahr 1994 als der älteste Hominidenfund gegolten: Ardipithecus ramidus, 4,4 Mio. Jahre alt bzw. vergleichsweise jung. Inzwischen hegen einige Wissenschaftler jedoch Zweifel, ob Orrorin tugenensis überhaupt in unsere Ahnenreihe gehört.

Doch schon ein Jahr später, 2001, wird in Äthiopien, auf dem Gebiet der heutigen Aar-Senke, ein weiterer Vorfahre gefunden: Ardipithecus ramidus kadabba. Sein Alter wird auf 5,2 bis 5,8 Mio. Jahren geschätzt. Er teilt viele Merkmale mit Ardipithecus ramidus. Da der neue Fund viel älter ist und zudem affenähnlichere Zähne aufweist, stellt er vorerst eine Subspezies dar. Derzeit herrscht die Meinung vor, dass sich Ardipithecus ramidus kadabba kurz nach der Trennung von Mensch und Affe am menschlichen Stammbaum entwickelte.

Die Verwirrung ist perfekt, seit im Jahr 2002 im Tschad weitere fossile Hominiden-Überreste entdeckt wurden. Sie sind sogar fast 7 Mio. Jahre alt und weisen zur Überraschung der Wissenschaftler eine Mischung aus äffischen und menschlichen Merkmalen auf. Sahelanthropus tchadensis, so der wissenschaftliche Name des Fossils, stellt die gängigen Theorien zur Menschheitsgeschichte in Ostafrika, denn der zentralafrikanische Sahelanthropus ist älter als alle ostafrikanischen Fossilien, und er lässt alle entworfenen Stammbäume fragwürdig erscheinen, ,die auf der Vorstellung einer linearen Ahnenreihe basieren. Denn gerade das Merkmalsmosaik des Sahelanthropus weist darauf hin, dass sich die Stammesgeschichte der Menschheit nicht als ein beständiges Fortschreiten von primitiven Formen zu höher entwickelten abgespielt hat. Vielmehr scheint es ein unübersichtliches Geflecht von Entwicklungswegen gegeben zu haben. Die endgültige Bewertung dieses Fundes steht also noch aus, aber dass es sich um einen außerordentlichen Fund handelt, steht außer Frage.

AUSTRALOPITHECUS

Schon einmal, im Jahr 1925, hatte es so einen außerordentlichen Fossilienfund gegeben, der die Wissenschaft der Anthropologie förmlich aufblühen ließ: Der Anthropologe Raymond Dort fand in Südafrika einen verhältnismäßig gut erhaltenen Schädel, das „Kind von Tauung“. Er beschrieb ihn zunächst als Schädel eines Affenmenschen, doch stellte sich bald heraus, dass dieser Schädel mehr menschliche als äffische Merkmale aufwies, und er erhielt den wissenschaftlichen Namen Australopithecus africanus ( „Afrikanischer Südaffe“) . Das Ungewöhnliche an diesem Schädel war, dass, obwohl nur Stirnbein, Gesichtspartie und die beiden Kiefer erhalten sind und der größte Teil des Schädeldaches fehlt, der gesamte Hirnraum erhalten ist. Die obere und die untere Zahnreihe waren auch noch erhalten: Die meisten Zähne sind Milchzähne, doch die zweiten Zähne wachsen bereits nach.

Hätte man vom Austalopithecus nichts anderes gefunden als den Schädel von Tauung, so wäre dieser nur von geringer Bedeutung gewesen. Denn die Schädelform ändert sich mit dem Heranwachsen beträchtlich und erst dann bilden sich die markanten Muskelansätze aus. Doch man fand auch erwachsene Vertreter des Australopithecus. Der kleine Schädel des Australopithecus besitzt ein Wohlgerundetes Schädeldach. Die Gesichtspartie springt in auffallender Weise vor. Oberflächlich betrachtet ähnelt sie der eines jungen Schimpansen. Untersucht man den Schädel jedoch genauer, so stellt man immer mehr Ähnlichkeiten mit dem Menschen fest. Nicht alle Wissenschaftler stimmen dem Platz zu, den Raymond Darrt dem Tauungs-Schädel im menschlichen Stammbaum zugeteilt hatte. Für manche Wissenschaftler war er nur ein primitiver Menschenaffe und nicht ein Vorfahre des Menschen.

Der Südafrikaner Robert Brom unterstützte jedoch Dart in seinen Ansichten und veranlasste die erfolgreiche Erforschung von Kalksteinbrüchen in Transvaal und den verschiedensten Orten in Afrika. In wenigen Jahren entdeckte er eine große Menge neuen Materials, das nicht nur zu den Tauung-Typen zählte, sondern auch von einer eng verwandten Gruppe stammte. Brooms ergiebigster Fundort war Sterkfontein, das er 1936 entdeckte. Bis zu seinem Tod erforschte er diese Stelle und später setzte sein Kollege J.T. Robinson seine Arbeit fort. In Sterkfontein fand man einen vollständigen Schädel eines Erwachsenen, dazu einige weitere Bruchstücke, ein fast unversehrtes Becken und Teile langer Knochen. Das Becken besagt mehr als jedes andere Fundobjekt über Gang und Haltung.

Inzwischen werden mehrere Arten Australopithecinen anerkannt: Australopithecus ramidus und anamensis, wobei sich aus dem Letzten der Australopithecus afarensis ableitet, der höchstwahrscheinlich unmittelbarer Vorfahre der Gattung Homo ist. Vom Australopithecus afarensis wurden in der Laetoli-Enene in Tansania etwa 3,6 Mio. alte Fußspuren freigelegt, die seinen aufrechten Gang bestätigten. Seine Körpergröße betrug etwa 1 bis 1,5 Meter bei einem Gewicht von 30 bis 70 Kilogramm. Er benutzte noch keinerlei Steinwerkzeuge und hat sich wahrscheinlich überwiegend pflanzlich ernährt.

Australopithecus afarensis ...

DER WEG ZU DEN ERSTEN MENSCHEN

Auf Java fand man 1891 eine unversehrte Schädeldecke und einen Schenkelknochen. Java erwies sich als ergiebiges Lager für Fossilfunde zur Menschheitsgeschichte. 1950 kamen in einem Seitental des Flusses Sala ein Schädeldach und Teile eines Oberkiefers zum Vorschein. Der Fund des „Java-Menschen“ wurde zunächst als Pithecanthropus erectus eingeordnet. Der Name stammte von dem deutschen Ernst Haeckel, der 1889 die Existenz eines solchen menschlichen Ahnentyps bereits beschrieben hatte. 1921 fand man inZhoukoudian bei Beijing inChina das erste Stück einer bemerkenswerten Reihe menschlicher Überreste. In diesem Gebiet existieren sehr viele Höhlen. In der Kalksteinhöhle Locality 1 brach die Decke auf die Lehmfüllung herab und wurde steinhart. Der erste Hinweis auf Hominiden in Zhoukoudian waren zwei Backenzähne, die Anderson in einer fossilienreichen Schicht entdeckte. Als Davidson Black 1927 einen dritten Backenzahn fand, kreierte er einen neuen Typ von Vormensch, den Sinanthropus pekinensis („Peking-Menschen“). Diese offenbar vorschnelle Definition wurde durch weitere menschliche Überreste gerechtfertigt, die man in der Höhle fand. Bis zum Jahre 1965 hatte man 14 Schädel, 11 Kiefer und eine Anzahl einzelner Zähne ausgegraben. Die Tatsache, dass man einen eigenen Typus Pekingmensch schuf, unterstreicht die damalige Vorliebe, jedem Fund einen eigenen Namen zu geben.

Heute werden von den Anthropologen der Java- und der Peking-Mensch unter dem Namen Homo erectus ( „aufrecht gehender Mensch „) zusammengefasst. Obwohl es nicht gelang, eine direkte Beziehung zwischen Homo erectus und Australopithecus herzustellen, konnte man sie als zwei nacheinander folgende Stadien der menschlichen Entwicklung betrachten.

Es schien also, als ob sich der Australopithecus und sein Nachfolger Homo erectus vom Ende der Alten Welt ganz unbehindert in die Neue Welt bewegt hätten. Leakey fand 1959 in Olduwai den ersten Hominiden. Diese Lagerstätte war so reich an menschlichen Relikten, dass das Verhältnis von Ausralopithecus und Homo erectus immer unklarer wurde. Die Funde vermehrten die Typensammlung urzeitlicher Hominiden und dehnten die menschliche Entwicklung auf einen Zeitraum aus, den man vor dem Zweiten Weltkrieg für unmöglich gehalten hätte. Die Datierung einiger Fundobjekte belief sich auf 1,75 Mio. Jahre, weitaus mehr, als man vor dem Zweiten Weltkrieg jemals anzunehmen gewagt hätte. Einige Vertreter der Australopithecinen mussten viel älter sein, als man ursprünglich geglaubt hatte.

Man grub Teile eines Kinderschädels und den dazugehörigen gebrochenen Unterkiefer aus, in dem noch fast alle Zäh

Ne erhalten waren. Es fanden sich auch Gliedmaßen, darunter ein vollständiger Fuß. Einige dieser Körperknochen gehörten zu Erwachsenen. Leakey nannte dieses Wesen Homo habilis („der geschickte Mensch“). Dieser Typus war etwas weiter entwickelt als der Australopithecus . Sein Gehirnvolumen lag bei etwa 600-650 Kubikzentimetern. Leakey vermutete im Homo habilis den Hersteller der neben den Knochen gefundenen Steinwerkzeuge. Dieser neue Fund konnte nur dann in die Gattung Homo gerechnet werden, wenn die Steingeräte tatsächlich sein Werk waren. Denn die Fähigkeit, sich für die Zukunft Werkzeuge herzustellen, ist eines der Kriterien, nach denen man den Menschen von den Anthropoiden, den Menschenaffen, trennt. Vermutlich verjagten Horden von Homo habilis mit Geschrei und dicken Ästen Raubtiere von deren geschlagener Beute. Dann schlugen sie die Knochen des Aases au um an das nahrhafte Knochenmark zu gelangen. Belegt werden solche Szenarien durch 2 Millionen alte Funde von Antilopen-Knochen, die neben Kratzern von Steinwerkzeug auch Spuren eines Raubtiergebisses aufweisen.

Leakey behauptete weiterhin, dass Homo habiles in der direkten Entwicklungslinie zum Homo erectus stehe und dass die Australopithecinen , obwohl sie zur selben Zeit auftraten, nur einen Seitenast im menschlichen Stammbaum darstellen. Wenn dies zutrifft, dann hätte sich der Homo habilis vor etwa einer Million Jahren zum Homo erectus entwickelt. Richard Leakey, Louis Leakeys Sohn, fand weitere Hominiden in der Nähe des Rudolfsees. Richard Leakey entdeckte einen fast unversehrten Schädel in circa 2,6 Mio. Jahren alten Lagerstätten. Der Schädel überrascht vor allem dadurch, dass er in seiner Entwicklung sehr weit fortgeschritten war. Er besitzt ein hohes und wohl gerundetes Dach. Sein Rauminhalt war bei circa 800 Kubikzentimetern, viel mehr als bei dem Homo habilis. Sein Gehirnvolumen war sogar größer als jenes der Australopithecinen. Dieser Fund wird heute als Homo rudolfensis bezeichnet und gilt als ältester Vertreter der Gattung Homo.

Früher erschien der Australopithecus noch als „Übergangsform“ zwischen Mensch und Menschenaffe ( Anthropoiden). Kein Schädel eines Vertreters der menschlichen Entwicklungslinie ähnelte so sehr den anderen Anthropoiden, und es erschien sinnvoll, dieses südafrikanische Wesen als den unmittelbaren Vorgänger der sicherlich ersten Hominiden aus China und Java zu betrachten, die vor etwa 500000 bis 600000 Jahren lebten.

Leider konnten damals weder das Material aus Südafrika noch die Tierfunde, die man mit ihnen zusammen machte, genau datiert werden. Daher trat ein Problem auf. Betrachtet man die Typen als Vorgänger der Java.und Peking-Menschen, dann war die Zeitspanne vom Beginn des Mittleren Pleistozäns bis zum Auftreten von Homo erectus, zu dem sich Australopithecus entwickelt haben soll, viel zu kurz. Das Fundmaterial aus Afrika und dem Fernen Osten wäre dann fast gleich alt, was in Anbetracht der deutlichen Unterschiede beider Gruppen unmöglich ist. Dies ließ zwei Annahmen zu : Entweder war Australopithecus viel älter, als man ursprünglich angenommen hatte, oder er war gar nicht der unmittelbare Vorfahre des Homo erectus, sondern stellte nur den Endpunkt einer Evolutionslinie dar, die zu einem viel früheren Zeitpunkt mit der von Homo erectus durch einen gemeinsamen Ahnen verbunden war.

Den Verlauf der menschlichen Entwicklung skizzierte man nun bis zu den 50er Jahren folgendermaßen: Hominide und Antropoide trennten sich etwa im Miozän, und der heutige Mensch entwickelte sich über eine Reihe von Zwischenstufen: Australopithecus, Homo erectus, Neandertaler, Homo sapiens. Dieses klare Bild wurde jedoch durch die Funde der letzten Jahre arg in Unordnung gebracht.

DER NEANDERTALER

1856 fanden Arbeiter in einem Kalksteinbruch im Neandertal bei Düsseldorf einen Schädel, Rippen, Teile eines Beckens und andere Knochen. Zuerst behauptete man, dies seien die Überreste eines Schwachsinnigen, was pathologische Merkmale am Schädel hinreichend beweisen sollten. Beinahe hundert Jahre war die Bezeichnung Neandertaler deswegen gleich bedeutend mit Unbeholfenheit und Dummheit. Die wissenschaftliche Streitfrage wurde 50 Jahre später durch die Entdeckung des ersten vollständigen Skeletts eines Neandertalers in La Chapelle.aux-Saints in Südwestfrankreich neu belebt. Dieser Fund zeigte, dass die Neandertaler eine gebeugte Haltung und einen schwerfälligen Gang hatten. Heute jedoch weiß man, dass die Haltung des Menschen von La Chapelle-aux-Saints nicht auf natürliche Unbeholfenheit, sondern auf eine Gelenkerkrankung zurückzuführen ist.

Das Aussehen des Neandertalers, des Homo neanterthalensis, war von langen Wülsten aus festen Knochen über seinen Augen geprägt. Er hatte eine niedrige Schädeldecke, die sich nach hinten und zu den Seiten erweiterte. Die untere Gesichtshälfte schob sich weit von seinem Hals hervor und zeigte große Vorderzähne, die er für viele Zwecke brauchte: um Tierhaut zu kauen, damit sie weich wurde, oder um Holzstücke einzuklemmen, damit er die Hände für ihre Bearbeitung frei hatte. Der Neandertaler besaß eine platte Nase mit großen Nasenhöhlen, in denen die eingeatmete, damals recht kalte Luft erwärmt wurde, bevor sie in die Lungen einströmte. Seine vorgeschobene Gesichtsform schützte das Gehirn vor der kalten Außentemperatur. Seine Knochen waren fester und etwa 10 bis 20 Prozent schwerer als die des heutigen Menschen. stummelige Füße, kurze Beine und ein massiver Brustkasten sowie ein Körpergewicht von bis zu 100 Kilogramm vervollständigten das Bild von einem rückschrittlichen Muskelmenschen. Der Grund für so einen stämmigen und robusten Körperbau war wahrscheinlich die Anpassung an das damalige eiszeitliche Klima ( 100000 bis 30000 Jahre v. Chr. ).

Trotz ihres unproportionierten, muskulösen Äußeren konnten es die Neandertaler in Bezug auf die Gehirnkapazität mit späteren Menschen aufnehmen. Ob sie genauso intelligent waren, ist nicht sicher, aber aus den Fundstätten von Neandertalern geht klar hervor, dass sie die Kunst der Werkzeugfertigung sehr verfeinert hatten. Wo der Homo erectus nur ein Gerät hergestellt hatte, schaffte der Neandertaler gleich mehrere nahezu identische Geräte • erste Formen der Massenproduktion. Er fertigte außerdem auch ausgezeichnete Kleidung und Hütten, kümmerte sich um verletzte Artgenossen und bestattete sogar seine Toten bereits mit Grabbeigaben • alles erste Anzeichen eines Kulturwesens.

Auch die Jagd gestalteten die Neandertaler zu einem viel erfolgreicheren Unternehmen als ihre Vorgänger. Großräumig geplante Treibjagden waren für ihn typisch. Er trieb Wildpferde, Mammuts und andere große Säugetiere in schlammiges, morastiges Terrain, wo sie aus der Nähe angegriffen werden konnten. Auf diese Weise sicherte er sich riesige Fleischmengen, wie sie die früheren Hominiden nie zur Verfügung gehabt haben. Was über den unmittelbaren Bedarf hinausging, wurde in Erdlöchern gelagert.

Jüngste Forschungsergebnisse von Genetikern aus München ( veröffentlicht im Juli 1997) werfen den Homo neanderthalensis inzwischen allerdings aus unserem Stammbaum heraus. Untersucht wurden Rest der DNA, der Erbsubstanz, aus einem Stück Oberarmknochen, des ältesten Neandertalfundes von 1856. Das sensationelle Ergebnis legt auf Grund des Ähnlichkeitsvergleichs der Bausteine die Neandertal-DNA entwicklungsgeschichtlich genau in die Mitte zwischen den Schimpansen und den Homo sapiens.

Die Gen-Analysen der Münchener Wissenschaftler deklassieren den Neandertaler zu einem fernen Ururgroßonkel, dessen Linie sich bereits vor 600000 Jahren von unserem Stammbaum abzweigte. Der Neandertaler wird durch diese genetischen Befunde auf eine seitliche Entwicklungslinie der Menschwerdung abgeschoben. Sie verlief lediglich parallel zur Ahnenreihe des modernen Menschen und endete vor rund 30000 Jahren. Doch Genetiker und klassische Paläontologen liegen bislang noch im Widerstreit über die Aussagekraft dieser neuesten Befunde. Bislang unbeantwortet ist auf jeden Fall die letztlich hoch interessante Frage: Warum ist der Neandertaler ausgestorben, wo er doch kulturell schon so weit fortgeschritten war?

VOM HÖHLENMALER ZUM WEISEN MENSCHEN

Der so genannte Cro-Magnon-Mensch wurde als Erstes 1868 in Südfrankreich bei Les Eyzies entdeckt, daher auch der französische Name „Cro-Magnon“. Die umliegende Landschaft und die Felsen schienen sich für menschliche Wohnungen besonders gut zu eignen. Die Cro-Magnon-Menschen waren nicht die ersten Bewohner dieses schönen Fleckchens Erde. Neandertaler und noch ältere menschlichen Vorfahren hatten viele dieser Höhlen und Felsüberhänge vor ihnen benutzt. Der Cro-Magnon-Mensch wird, wie alle heute auf unserer Erde lebenden Menschen, von Wissenschaftlern zu der Gruppe des Homo sapiens („kluger oder verständiger Mensch“) gerechnet. Die ältesten Funde datieren auf ungefähr 40000 Jahre vor unserer Zeit.

Die Cro-Magnon-Menschen waren in jeder Beziehung modern und unterschieden sich von ihren heutigen Artgenossen in Europa nicht mehr, als sich vielleicht die Iren von den Österreichern unterscheiden. Der Cro-Magnon-Mensch war nicht so hoch gewachsen wie der heutige Europäer.Er hatte jedoch einen größeren Kopf und wahrscheinlich sogar auch ein größeres Gehirn. Das Aussehen des Mannes war von einer hohen Stirn und einem vorstehenden Kinn sowie einer Adlernase und kleinen regelmäßig angeordneten Zähnen geprägt. Der Mann war durchschnittlich 1,70 m groß und somit auch sicherlich größer als die Frau. Die meisten Wissenschaftler vermuten zur Ähnlichkeit der Bauweise des Skeletts mit dem heutigen Europäer auch eine annähernd gleiche Hautfarbe und Behaarung. Salopp formuliert könnte man heute sagen, der Cro-Magnon-Mensch war der Großvater des Europäers.

Evolution

Ardipithecus ramidus vor 5-4 Mio Jahren

A: Australopithecus anamensis vor 4.2 bis 3.9 Mio Jahren

B: Australopithecus afarensis vor 4 – 2.7 Mio Jahren

C: Australopithecus africanus vor 3- 2 Mio Jahren

D: Australopithecus robustus vor 2.2-1.6 Mio Jahren

E: Homo habilis vor 2.2-1.6 Mio Jahren

F: Homo erectus vor2.0-0.4 Mio Jahren

Homo sapiens archaic vor 400-200 tausend Jahren

G: Homo sapiens neandertalensis vor 200-30 tausend Jahren

Homo sapiens sapiens vor 200 tausend Jahren bis heute

Der Cro-Magnon-Mensch besaß die Voraussetzungen, in seiner Zeit große Veränderungen in die Wege zu leiten, da er sich von seinen Vorgängern nicht nur in der äußeren Erscheinung unterschied, sondern er auch intelligenter war. Als erstes Wesen auf der Erde besaß er die geistigen und körperlichen Fähigkeiten, wie der moderne Mensch zu sprechen. Die Entwicklung einer Sprache war von unschätzbarem Wert, denn damit bahnten sich umwälzende Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft an: der Ausbau und die Verfeinerung menschlicher Kommunikation und Kultur.

Die Cro-Magnon-Menschen waren vermutlich die ersten Menschen mit technischem Verstand. Sie erfanden die ersten rohen Formen gebrannter Keramik, sie bauten Brennöfen und heizten mit Kohle. Die Verfeinerung ihrer Werkzeuge, Waffen und Gebrauchsgegenstände, die sie aus Knochen, Elfenbein, Geweihen und Holz herstellten, war eine große Errungenschaft. Sie kleideten sich besser, legten heißer brennende Feuerstellen an, bauten sich größere Wohnungen und ernährten sich abwechslungsreicher als die Menschen vor ihnen.

Eine weitere Errungenschaft des Cro-Magnon-Menschen ist sicherlich die Kunst, die uns auf Höhlenwänden und Decken, in Tonfiguren und verzierten Gegenständen so vollendet überliefert ist. Nie zuvor hatten Menschen so viel Sinn für das ästhetische Schöne wie die Cro-Magnon-Künstler entwickelt. Ihre besten Malereien und Skulpturen gehören noch heute zu den bedeutendsten der Welt. Gegen Ende ihrer Zeit vor rund 10000 Jahren hatten sie den Boden bereitet für die letzten Streckenabschnitte auf dem Weg zum heutigen Menschen, für den Ackerbau, die Viehzucht, die Metallbearbeitung, die Religion, die Schrift und die komplexen Formen des gesellschaftlichen und politischen Lebens.

Man hat allen Grund anzunehmen, dass der Cro-Magnon-Mensch bei entsprechender Ausbildung selbst mit den Schwierigkeiten der modernen Welt von heute fertig geworden wäre. Ihre Intelligenz hätte vermutlich gereicht, sich dem Stand unserer Zivilisation anzupassen • wenn auch mit einigen Problemen.

HOMO ANTECESSOR • DER ERSTE EUROPÄER

Die beiden spanischen Anthropologen Antonio Rosas und J.M. Bermudez de Castro haben in den Jahren 1995 bis 1997 bei Burgos in Nordspanien die versteinerten Überreste mehrerer Urmenschen ausgegraben. Das Alter der versteinerten Knochenfragmente wird mit 780000 Jahren angegeben. Auf Grund der gefundenen anatomischen Kombinationen ursprünglicher und moderner Merkmale glauben die Wissenschaftler, eine neue Art Mensch entdeckt zu haben. Dieser jüngste Fund aus der Hominidenfamilie wird deshalb Homo antecessor („Vorläufer“) genannt. Auf Grund anatomischer Vergleichsstudien halten die Wissenschaftler den Fund von Gran Dolina für den Letzten gemeinsamen Vorfahren des modernen Menschen ( Homo sapiens ) und des Neandertalers ( Homo Neanderthalensis ), der heute als ein an Kälte angepasster Seitenzweig der Menschheit gilt.

Bislang ist noch nicht geklärt, ob der Homo sapiens nur in Afrika entstanden ist und sich von dort über den europäischen und asiatischen Kontinent verbreitet hat ( Modell:“Out-of-Africa“) oder ob sich in verschiedenen Teilen der Welt mehrfach diese Weiterentwicklung vom ausgewanderten Homo erectus oder einer archaischen Urform des Homo sapiens zum Homo sapiens vollzogen hat ( multiregionales Modell ).

Einige Forscher glauben heute, mit dem Homo antecessor sei diese Lücke geschlossen worden. Der Homo antecessor soll das fehlende Übergangsstadium („missing link“) im Stammbaum der menschlichen Entwicklung sein. Bislang hat der Homo erectus den zentralen Platz in der Besiedelung Europas eingenommen. Nun könnte der Homo antecessor den Ursprung aller europäischen Hominiden darstellen. Auch der „Heidelberg-Mensch“ soll sich danach aus dem Menschen von Gran Dolina entwickelt haben. Dann hätte der Homo erectus niemals europäischen Boden betreten und konnte sich ausschließlich nach Asien ausbreiten. Jedoch nicht alle Anthropologen halten den Homo antecessor für eine eigene Art. Noch wird er in den meisten Stammbäumen als gemeinsamer Ahne vom Heidelberger, Neandertaler und Homo sapiens mit einem Fragezeichen versehen.

DER WEISHEIT LETZTER SCHLUSS

Letztlich bleibt die Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte bis heute eine Art Denkspiel, bei dem zunächst nahezu alles erlaubt ist. Je nachdem, wer, wann, wo und wie sich an der Deutung der jeweils gefundenen menschlichen Fossilien versucht, fallen die Ergebnisse recht unterschiedlich aus. So ist es bis heute eher eine Glaubensfrage beziehungsweise eine Frage der anthropologischen Schule, ob der Homo erectus als Nachfahre des Homo ergaster erst vor rund einer Million Jahren Afrika verließ oder ob bereits der älteste Vertreter der Gattung Homo, der Homo rudolfensis, vor rund 2 Millionen Jahren erstmals seinen Fuß auf einen anderen Kontinent gesetzt hat. Für den letzteren Geschichtsverlauf spräche die jüngste Neudatierung des Homo erectus-Fundes von Java auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahren.

Somit wird die vollständige Entschlüsselung des Werdegangs des denkenden Aufrechtgehers auch weiterhin eine spannende Denksportaufgabe für den Homo sapiens sein.

Quelle: Dinotime.de

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