Der Genetiker George Church träumt von geklonten Mammuts und der Wiederauferstehung des Neandertalers. Da stellt sich die Frage: Darf man das?

© Norbert Försterling dpa/lsw

Aus Elefanten-Stammzellen und Mammut-DNA könnten die Giganten der Steinzeiten wieder zum Leben erweckt werdenAus Elefanten-Stammzellen und Mammut-DNA könnten die Giganten der Steinzeiten wieder zum Leben erweckt werden

DIE ZEIT: Wird es bald wirklich synthetisches Leben aus Menschenhand geben?

George Church: Ich denke, ja. Unsere Fähigkeiten, genetische Information zu lesen und neue zu schreiben, verbessern sich jedes Jahr. Bald gibt es kaum noch Grenzen des Vorstellbaren.

ZEIT: Ein Lebewesen ist doch viel zu komplex, als dass man es einfach neu erfinden könnte.

Church: Man entwirft auch ein neues Auto nicht wirklich neu, man baut es aus existierenden Einzelteilen, die man verändert. So ist es auch in der synthetischen Biologie: Wir müssen synthetisches Leben nicht Atom für Atom neu konstruieren.

ZEIT: Es gibt die Idee, auch ausgestorbene Lebewesen auferstehen zu lassen, das Mammut etwa.

Church: So etwas ist doch bereits gelungen. Meine Kollegen haben das Erbgut des Erregers der Spanischen Grippe von 1918 chemisch synthetisiert und das Virus zum Leben erweckt. Ein Mammut ist aber eine andere Herausforderung, denn es hatte ein viel größeres Erbgut: Wir reden nicht von einem Dutzend Genen, sondern von 25.000.

ZEIT: Und wie kann das Mammut wieder zum Leben erweckt werden?

Church: Man würde eine möglichst nah verwandte Art nehmen, den Elefanten. Um dessen Erbgut nach und nach in das eines Mammuts zu verwandeln, wären natürlich Millionen Veränderungen nötig. Man nimmt Stammzellen und baut ihr Erbgut mit synthetischer DNA um. Aus ihnen lässt sich ein Elefant mit riesigen Stoßzähnen und langem, wolligen Fell klonen. Mit der Zeit kann dabei ein echtes Mammut herauskommen, das nicht nur Zoobesucher begeistert, sondern ein realistisches Abbild der ausgestorbenen Art ist. Es würde wie ein Mammut aussehen und sich auch so verhalten. Übrigens ist das mehr alsJurassic Park – diese Techniken werden sehr wertvoll in der Medizin werden, für Organtransplantationen, Gewebeersatz und viele andere Probleme.

ZEIT: Sind die vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler auch Kandidaten für die Auferstehung? Ihr Erbgut wird in wenigen Wochen von deutschen Forschern rekonstruiert worden sein.

Church: Neandertaler sind sehr nah mit uns verwandt. Doch wenn man nur auf ihre Genomsequenz in der Datenbank starrt, kann man höchstens vermuten, wie ihre Zellen beschaffen waren. Menschliche Zellen lassen sich ebenso leicht manipulieren wie die anderer Säugetiere. Das heißt: Wir können – und werden vermutlich – menschliche Zellen herstellen, die zunächst zehn, hundert oder mehr Erbmerkmale der Neandertaler aufweisen. Sie werden uns erlauben, die physiologischen Eigenschaften unserer Verwandten zu testen. Das lässt sich tatsächlich hinkriegen. In ein paar Jahren ist es so weit.

ZEIT: Mit Zellkulturen von Neandertalern wäre der Weg frei für einen unerhörten Versuch: Man könnte aus ihnen lebendige Individuen klonen. Dürfen wir das?

Church: Wir sind dazu in der Lage. Die Frage ist, ob wir es wirklich tun sollten. Die Vorteile für die Gesellschaft müssen die Risiken überwiegen. Und es gibt medizinethische Probleme: Ist es ein Vorteil für das Individuum, an dem experimentiert wird? Dann muss man noch bedenken, dass wir für die Geburt eines Neandertalers menschliche Leihmütter bräuchten.

ZEIT: Aber diese bioethischen Hürden sind doch quasi unüberwindbar.

Church: Bevor man über die Ethik des Klonens von Neandertalern redet, müssten zwei Minimalbedingungen erfüllt sein. Das Menschenklonen muss für medizinische Zwecke sicher und gesellschaftlich akzeptiert worden sein. Ich bin optimistisch, dass diese Situation bald eintreten wird. Die andere Voraussetzung sind große Erfahrung und Experimente mit Neandertalerzellen. Um ein Individuum zu klonen, muss man eine gute gesunde Zelllinie haben. Mit ihrer Zucht können wir demnächst beginnen, lange bevor wir über das Klonen eines lebenden Neandertalers nachdenken müssen. Dann können wir die Gesellschaft fragen: Ist die Zeit reif oder nicht?

ZEIT: Wäre es ethisch nicht besser zu vertreten, Affenzellen zu neandertalisieren?

Church: Das ist auch eine Option. Aber die entscheidende Frage ist auch hier: Wird das menschliche Klonen zu einer vorteilhaften und akzeptierten Technik werden? Im Moment ist unsere Unwissenheit da noch recht groß, aber ich denke, wir werden das Klonen bald sehr gut im Griff haben. Auch bei der künstlichen Befruchtung war zu Anfang nicht klar, ob es wirklich sicher für die Kinder ist. In solchen Fragen vollziehen sich in der Gesellschaft oft sehr schnelle Gezeitenwechsel.

ZEIT: Selbst wenn Sie recht behalten: Wie gehen wir dann mit den Neandertalern um? Sie wären vermutlich so menschenähnlich, dass sie auch Menschenrechte zugesprochen bekommen müssten. Vielleicht wären sie nur genetisch Neandertaler, aber sonst wie wir?

Church: Das ist nach dem technischen und dem bioethischen Aspekt das dritte Problem, das soziale. Wir können nicht ohne Weiteres eine Neandertalerkultur wiederherstellen. Aber die Physiologie der Neandertaler wäre wieder da – vielleicht Resistenzen gegen bestimmte Krankheiten, vielleicht eine andere Art zu lernen. Es besteht die Möglichkeit, dass sie uns in bestimmten Aspekten der Intelligenz überlegen wären. Es wäre hochinteressant, mit ihnen zu sprechen; sie waren schließlich eine uns praktisch gleichwertige Menschenart.

ZEIT: Steckt hinter solchen Gedankenspielen nicht in Wahrheit doch die Verlockung, etwas Unerhörtes zu tun – weil man es tun kann?

Church: Ich bin kein Fan des einfach nur Machbaren. Aber wir schätzen doch auch jetzt schon die Außenseiter in unserer Gesellschaft, weil sie außergewöhnliche Dinge tun. Unter den Menschen mit psychischen Auffälligkeiten – Depression oder Asperger-Syndrom – waren einige der größten Denker der Geschichte. Es könnte sein, dass Neandertaler uns aus unserer intellektuellen Isolation heraushelfen und uns anders über uns selbst denken lassen. Es ist unmöglich zu sagen, wie anders sie gedacht haben, als wir es tun. Auch wenn es sich nicht um eine Begegnung mit Außerirdischen handelte – letztlich waren sie eine fremde Intelligenz. Und sie könnten uns eines Tages helfen: dann, wenn wir sie am dringendsten brauchen.

George Church forscht als Genetiker an der Harvard University in Cambridge. Die Fragen stellten Ulrich Bahnsen und John Kantara.

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2 responses »

  1. Levent diyor ki:

    İlginç bir makale. Ama neden almanca dilinde? Çevirmeyi düşünmüyor musnuz?

  2. Teşekkürler sayın Levent. Şu an makaleyi çevirmeyi düşünmüyorum ama ileride olabilir. Kozmopolit Aydınlar blogunda Türkçenin yanında, İngilizce, Almanca ve Kürtçe gibi yerel dillerde de yazı yazınlamayı öngördük.

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