Der Stärkere überlebt, alle anderen wandern auf den Müllhaufen der Evolutionsgeschichte. Basta! So einfach ist es – je nach Perspektive leider oder zum Glück – nicht. Mit Darwin und seiner Evolutionstheorie sind zahlreiche Irrtümer und Missverständnisse verknüpft.


Die christliche Schöpfungslehre – nur ein relgiöser Mythos?

1. Die Evolution ist Zufall

Das stimmt so nicht. Der Zufall spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, ob beispielsweise ein Reptil auf einem Ast treibend eine Insel erreicht oder nicht. Die Entstehung von Arten unterliegt aber ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Neben den physikalischen und chemischen sind das vor allem biologische. Da sich neue Arten aus bestehenden entwickeln, müssen sie notgedrungen auf deren Erbe zurückgreifen. Das erklärt, weshalb Landwirbeltiere genau vier Extremitäten und maximal fünf Finger entwickelt haben. Die Fische, die an Land gingen, hatten eben nur die Anlage für fünf Finger. Einige Landtiere haben die Extremitäten oder Finger verloren, aber keines hat zusätzliche entwickelt.

Offenbar ist es schwieriger, etwas hinzuzubauen als zu verlieren. Das zeigen auch zahlreiche Primaten, wie zum Beispiel Kapuzineraffen, die keinen dritten Arm und auch kein drittes Bein entwickelt haben, sondern einen Greifschwanz, der quasi als fünfte Extremität dient. Deshalb wächst einem Elefanten auch kein fünftes Bein aus dem Kopf, sondern eben eine abgewandelte, hoch spezialisierte Nase. Die Evolution verläuft also gebahnt. Dadurch erscheinen uns viele Lösungen, die die Evolution für viele Probleme gefunden hat, so zwangsläufig richtig, dass man versucht ist, einen großen Plan dahinter zu vermuten.

2. Parellelen zwischen Schöpfungsgeschichte und Evolution

Die biblische Schöpfungsgeschichte stimmt überraschend gut mit der biologischen Evolution überein? Das ist schlichtweg falsch.

Eigentlich ist es nicht sinnvoll, die biologische Evolution mit der biblischen Schöpfungsgeschichte zu vergleichen, da es sich bei Ersterer um ein naturwissenschaftlich zu ergründendes Phänomen handelt, bei Letzterer aber um einen Mythos. Da dies aber einer der beliebtesten Irrtümer bezüglich der Evolution ist, folgende Aufklärung: Laut Bibel erschafft Gott zuerst alle Landpflanzen. Von Wasserpflanzen, den Ahnen der Landpflanzen, ist keine Rede. Übrigens formt Gott erst danach die Gestirne wie Sonne und Mond, was astronomischen Erkenntnissen widerspricht. Dann schöpft Gott alle Tiere des Meeres, auch „Walfische“, und die Vögel. Meeressäuger und Vögel stammen aber von Landwirbeltieren ab. Die macht Gott erst einen Tag nach den Meerestieren und den Vögeln.

Die Autoren der Bibel konnten selbstverständlich nichts von moderner Biologie und Molekulargenetik wissen. Das Unwissen mag der wesentliche Grund dafür sein, dass die Schöpfungsgeschichte – je nach Art des Drucks – kaum zwei Seiten der Bibel ausmacht.

3. Darwin war der Erste, der sich mit Evolution beschäftigte

Neugieriger Blick: Warum hat die Giraffe ihren langen Hals?

Darwin konnte auf eine Reihe von Wissenschaftlern beziehungsweise Theoretikern zurückblicken, die sich mit dem Problem der Evolution und der Entstehung neuer Arten beschäftigt hatten. Der prominenteste unter ihnen war sicher Jean-Baptiste de Lamarck. Der französische Botaniker und Zoologe hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine Theorie der Evolution aufgestellt, wonach Tiere durch einen bestimmten Lebensstil Eigenarten erwerben, die sie an ihre Nachkommen vererben. Die Giraffe strecke beispielsweise ihren Hals zu immer höher wachsenden Blättern, so dass der Hals immer länger werde. Schon Lamarck lehnte den biblischen Gedanken eines einmaligen Schöpfungsvorgangs und der sich anschließenden Konstanz der Arten ab. Bereits in der Antike hatten Philosophen wie der Thales-Schüler Anaximander versucht, den Ursprung des Lebens und der verschiedenen Arten zu ergründen.

Die Darwin-Wallace-Theorie

Alfred Russel Wallace kam durch seine Naturbeobachtungen in der Südsee gleichzeitig mit Darwin zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen bezüglich der Evolution wie Darwin selbst. Im 19. Jahrhundert bezeichnete man die Evolutionstheorie auch als Darwin-Wallace-Theorie. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich Darwin als alleiniger Namensgeber durch.

Darwins großes Verdienst besteht darin, einerseits die richtige Evolutionstheorie entwickelt und sie andererseits akribisch und mit ungeheurer Ausdauer anhand wissenschaftlicher Belege bewiesen zu haben. Gerade weil er – aufgrund der noch nicht vorhandenen wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten – beispielsweise nichts von Molekulargenetik wissen konnte, ist es erstaunlich, wie zutreffend wesentliche Punkte seiner Theorie sind – auch wenn noch längst nicht alle Geheimnisse der Evolution aufgedeckt sind und sich immer wieder neue Erkenntnisse ergeben.

4. Der Mensch stammt vom Affen ab

Diese Behauptung löst selbst heute noch bei einigen Menschen Empörung aus. Das mag unter anderem daran liegen, dass sie bei diesem Satz an heutige Schimpansen, Orang-Utans oder Gorillas als ihre Vorfahren denken. Das hat seine Ursache in einer linearen und hierarchischen Betrachtungsweise der Evolution, die demnach immer „höhere“ Lebensformen entwickelt. Das würde bedeuten, dass die Evolution ein Ziel hat, auf das bestimmte Arten zusteuern, während andere Arten evolutionär stehen bleiben. Das ist allerdings falsch.

Die Evolution hat kein Ziel und läuft auch nicht vorhersehbar ab. Alle Lebewesen entwickeln sich in jeder Phase gleichzeitig. Das heißt, moderne Menschenaffen sind genauso modern wie der moderne Mensch. Selbst heutige Schildkröten, Würmer oder Moose sind ebenso modern, sonst hätten sie es nicht geschafft, die Evolution bis heute zu überdauern beziehungsweise aus ihr heraus zu entstehen. Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und Menschen haben gemeinsame Vorfahren. Wir stammen also von einem affenartigen Wesen ab, aber eben nicht von Schimpansen oder Gorillas.

5. Komplexität entsteht nicht zufällig

Institute of Vertebrate Palaeontology and Palaeanthropology, Beijing
Odontochelys semitestacea – „Halb-Panzer-Schildkröte mit Zähnen”

Durch Zufall kann hohe Komplexität, wie sie beispielsweise Wirbeltiere auszeichnet, im Laufe der Evolution nicht entstehen. Diesem Irrtum liegt ein einfacher Denkfehler zugrunde. Ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang von Evolutionsgegnern immer wieder gerne angeführt wird: Wenn man eine riesige Anzahl verschiedener Buchstaben auf ein Buch mit leeren Seiten werfen würde, entstünde niemals die Bibel. (Abgewandelt kursiert auch eine Version, in der ein Schimpanse auf eine Schreibmaschine trommelt.) Das ist sicher richtig so, trifft aber auf die Evolution nicht zu. Denn bei der Evolution handelt es sich nicht um ein Buch mit leeren Seiten, von denen die Buchstaben einfach wieder abgleiten. Bei der Evolution bleiben Buchstaben, die auf die „richtige“ Stelle fallen, dort stehen. So entsteht im Laufe der Evolution sehr wohl die Bibel. Der Klebstoff, der die Buchstaben an der „richtigen“ Stelle hält, ist die Selektion.

Selektion wirkt auf Lebewesen

Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser, könnten Kritiker doch sagen: „Dann gibt es also doch einen Plan, weil der Text ja quasi unsichtbar vorgeschrieben ist. Ansonsten könnte ja niemand wissen, wann ein Buchstabe auf die richtige Stelle fällt.“

Die Selektion „weiß“ natürlich nichts. Sie wirkt nur auf die Lebewesen beziehungsweise ihren Fortpflanzungserfolg und ihr Überleben. Das „Sinnvolle“ an ihren Ergebnissen ist letztlich nur eine menschliche Interpretation: Tiere, die in kalten Regionen leben, entwickeln nun mal isolierende Schichten – sei es nun Fett oder Fell. Und die Selektionsfaktoren ändern sich immer wieder. Beispielsweise bleibt das Klima nicht über Millionen Jahre konstant. Deshalb hat die Evolution auch kein vorgegebenes Ziel und keinen Endpunkt, wie in dem angeführten Beispiel der Bibeltext.

Was sich als geeignet erweist, hängt eben immer von den jeweiligen Bedingungen ab – und die ändern sich immer wieder. So haben in der heutigen Atmosphäre Organismen, die Sauerstoff nicht vertragen, schlechte Karten. In der Frühzeit der Erde waren sie die beherrschende Lebensform.

6. Darwin hat seine Theorie nur abgeschrieben

Vor 50 Millionen Jahren flogen riesige Vögel
mit einer Flügelspannweite von fünf Metern
und Zähnen im Schnabel über Europa

Im Sommer 1858 erhält Darwin Post vom Naturforscher Alfred Russel Wallace. Der bittet Darwin, ein beigefügtes Manuskript zu lesen und – falls er es für gut bewerte – an einen Verleger weiterzuleiten. Wallace ist durch die Südsee gereist und hat dort umfangreiche Studien unter anderem mit Vögeln betrieben. Darwin versetzt das Schreiben einen Schock, hat Wallace doch auf wenigen Seiten genau die Theorie aufgestellt, an der er seit mehr als 20 Jahren arbeitet. Schließlich werden die Manuskripte von Darwin und Wallace in London am 1. Juli 1858 in der Linnean Society vorgelesen. Sie finden keine große Beachtung. Erst als Darwin 1859 sein Hauptwerk „On the Origin of Species“ veröffentlicht, wird vielen die Bedeutung seiner Theorie klar.

Darwin und Wallace hatten schon vor 1858 Kontakt und hielten diesen auch nach Veröffentlichung ihrer Theorie aufrecht. Sie verstanden sich gut, Wallace hat Darwins Verdienste nie angezweifelt, Darwin würdigte Wallaces Leistung immer. Ihre Theorie wurde im 19. Jahrhundert meist Darwin-Wallace-Theorie genannt. Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts setzte sich Darwin als alleiniger Namensgeber durch.

Dass Darwin lange vor 1858 an seiner Evolutionstheorie gearbeitet hat, belegen zahlreiche Schriftstücke und Dokumente. Ohne das Schreiben von Wallace hätte er aber wahrscheinlich noch viel länger gezögert, seine Theorie zu veröffentlichen.

7. Darwinismus bedeutet den Sieg des Stärkeren

The Nature Conservancy
Die Riesen-Känguru-Ratte in Zentralkalifornien.
Stärke ist nicht alles – oft ist Wendigkeit und Schlauheit wichtiger für das Überleben.

Das Bild vom Hauen und Stechen in der Natur ist ein typisch menschliches, ebenso wie jenes vom friedlichen Miteinander aller Kreaturen. Keines der beiden Extreme stimmt. In der Natur findet große Konkurrenz zwischen Individuen derselben oder verschiedener Arten statt. Sie ist eine Triebfeder für die Fortentwicklung in der Evolution. Die Basis für diese Konkurrenz stellt aber die Kooperation dar. Sie ist das eigentliche Erfolgsmodell der Evolution. Letztendlich führt die Fokussierung auf die Konkurrenz nur dazu, dass die ihr zugrunde liegende wechselseitige Abhängigkeit der Lebewesen untereinander überdeckt wird. Auch der – momentane – Evolutionserfolg des Menschen ist ohne Kooperation nicht denkbar. Viel grundlegender findet Kooperation ja schon auf Zellebene statt. Ein so komplexes Gebilde wie eine Zelle würde ohne Kooperation nicht funktionieren.

Fressen und gefressen werden?

Dass angeblich der Stärkere immer den Sieg davonträgt, ist eine Fehlinterpretation, die mit der Übersetzung des „Survival of the fittest“ zusammenhängt. (Ein Ausdruck, der übrigens nicht von Darwin stammt, sondern vom britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer.) Hier lauern mehrere Fußangeln: „Survival“, also Überleben, suggeriert, dass es ständig um Leben oder Tod gehe, dass man selbst fresse oder eben gefressen werde. Das ist aber selbst in der Natur nicht so – auch wenn jedes Individuum schließlich sein Ende findet. Das Überleben bezieht sich im evolutionären Kontext aber nicht auf Individuen, sondern auf Erblinien, also eher Eigenschaftsansammlungen, die über die Generationen vererbt werden.

„Fittest“ mit Stärkeren zu übersetzen, ist schlichtweg falsch, weil es eine unzulässige Einschränkung auf eine Eigenschaft bedeutet. Fittest ist ein variabel zu verstehender Begriff, der situationsabhängig völlig Verschiedenes bedeuten kann. Außerdem erfasst die Selektion ja nicht nur eine Eigenschaft, sondern immer das Gesamtbündel aller Eigenschaften, die ein Individuum ausmachen. Insofern wird auch verständlich, weshalb sich im Laufe der Evolution oft Kompromisslösungen ergeben haben. Ein Beispiel wäre die sexuelle Selektion beim Menschen. Wenn alle Frauen nur körperlich attraktive Männer wollen, wieso gibt es dann immer noch so viele – zumindest in den Augen anderer Menschen – unattraktive Männer? Das liegt daran, dass körperliche Attraktivität eben nur ein Kriterium für die Selektion ist – und bei vorliegendem Angebot machen Frauen eben Zugeständnisse bezüglich ihrer Ansprüche.

Kamikaze-Bazillen

Kooperation findet sich schon bei einfachsten Organismen, sogar bei Einzellern, zum Beispiel bei Salmonellen. Diese Durchfallmikroben wachsen unter normalen Bedingungen im Darm nur schlecht. Lösen sie aber eine Entzündungsreaktion, sprich den Durchfall, aus, wird die Darmflora geschwächt und die Salmonellen können sich so extrem effizient vermehren. Die Entzündung wird ausgelöst, wenn Salmonellen ins Darmgewebe eindringen. Dies gelingt ihnen nur mit einer speziellen Arbeitsteilung, die darauf beruht, dass sich bei ihrer Zellteilung zufällig zwei Salmonellentypen ausbilden.
Die Zellen des einen Typs lassen sich ins Darmgewebe einschleusen, lösen dort die Entzündungsreaktion aus und verlieren dabei ihr Leben. Durch die Zerstörung der normalen Darmflora erhält der zweite Typ von Salmonellen, der im Darmlumen wartet, eine Chance, zuzuschlagen. Er kann sich ungehindert vermehren, ehe der Körper erst nach Tagen auch diese Infektion in den Griff bekommt.

Soziales im Bier

Hefezellen, die beispielsweise beim Bierbrauen eingesetzt werden, kleben gerne zu Klumpen zusammen. Das Zusammenkleben ermöglicht ihnen ein einziges Protein. Hefen, die das Gen für dieses Protein inaktivieren beziehungsweise nicht tragen, könnten sich nun in das Innere der Klumpen einschleichen und so von jenen „altruistischen“ Hefen profitieren, die die Außenhülle des Klumpens bilden und sich somit größeren Gefahren aussetzen. Allerdings tendieren Hefen mit dem speziellen Klebeprotein bevorzugt dazu, sich aneinanderzuheften, so dass sie dadurch Schmarotzerhefen vermehrt ausschließen.

8. Der Mensch ist bereits die Krönung der Schöpfung

Kinder vertragen Milch meist gut,
eine Intoleranz entwickelt sich mit den Jahren

Der Irrtum, dass der Mensch sich durch Technik und Wissenschaft der Evolution entzogen hat, muss Wunschdenken bleiben. Nach wie vor unterliegen wir der Evolution. So hat sich der Mensch vergleichsweise schnell an kulturell bedingte Gegebenheiten angepasst. Ein Beleg dafür: Laktosetoleranz. Die meisten Menschen vertragen als Säuglinge Milch, weil sie unter anderem den Milchzucker Laktose mit einem Enzym (Laktase) abbauen können. Erwachsene Europäer behalten diese Fähigkeit lebenslang, da unsere Vorfahren irgendwann die Landwirtschaft erfanden und Vieh hielten, also auch vermehrt Milch zur Verfügung hatten. Die Eigenschaft der Laktosetoleranz hat der Mensch erst in den vergangenen 10 000 Jahren entwickelt –­ evolutionär betrachtet rasend schnell.

Evolutionsfaktor Erreger

Krankheitserreger sind ein weiterer, nach wie vor auf den Menschen einwirkender Evolutionsfaktor. Ein Beispiel ist die Sichelzellanämie. Der Gendefekt für diese tödliche Krankheit betrifft den für den Sauerstofftransport im Blut zuständigen Farbstoff Hämoglobin. Eine einzelne Mutation reicht aus. Da Menschen aber jedes Chromosom doppelt besitzen, sterben an der Sichelzellanämie nur jene, die den „heilsamen“ Defekt auf beiden tragen (homozygot). Diejenigen, die nur ein Chromosom mit der Mutation besitzen (heterozygot), sind dagegen besser gegen Malaria geschützt. In Malariaregionen Afrikas tragen bis zu 25 Prozent der Einheimischen den Defekt.

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