Lachen

Lachen hat seit Jahren in Deutschland Hochkonjunktur: Der Bedarf an Schenkelklopfern ist groß und die Zahl der Nachwuchs-Kabarettisten kaum noch bestimmbar. Doch sollte man den Comedy-Boom nicht überbewerten. Nur 20 Prozent aller Lacher entstehen durch einen Witz. Die Mehrzahl der Lacher haben weniger mit Humor zu tun, sondern mehr damit, wie wir im Alltag bestehen können.

Lachen ohne Witz

Der Selbstversuch ist ganz einfach: Man schaue sich eine der zahlreichen Comedy-Sendungen mal ganz alleine an. Höchstwahrscheinlich wird die Anzahl herzhafter Lacher bei diesem zweifelhaften Vergnügen überschaubar bleiben. Und das liegt nicht nur an schlechten Gags. Die wenigsten Menschen lachen, wenn sie allein sind. Die Alltagserfahrung zeigt, dass meist in der Gruppe gelacht wird. Für den Lacherfolg wichtiger als die Pointe eines Witzes ist die Konstellation der Personen innerhalb der Gruppe. Wer ist der Witzerzähler? Ist er ein “Alphatier”, also eine Führungspersönlichkeit? Ist er in die Lage, die Aufmerksamkeit der Personen im Raum auf sich zu ziehen, gegebenenfalls sogar das Interesse des anderen Geschlechts? 80 Prozent der sogenannten “Spaßkommunikation”, also einer Kommunikation, bei der gelacht wird, kommen sogar gänzlich ohne Humor und Pointe aus.

Ein Mann, der sich mit beiden Händen an den Kopf fasst. (Rechte: Mauritius)Ir­gend­wo im Kopf steckt das La­chen

Wo liegt das Lachen?

Der US-Psychologe Robert Provine hat in über 15 Jahren Lachforschung herausgefunden, dass das Phänomen Lachen weit mehr ist als eine reflexartige Kontraktion der Bauch- und Gesichtsmuskulatur. Lachen ist soziale Interaktion, eine besonders intensive und häufig unbewusste Form der Kommunikation. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass die ersten Vorfahren des Homo sapiens vor sechs Millionen Jahren zwar noch keine Formen von Kultur entwickelt hatten, jedoch schon die Anfänge des menschlichen Lachens. Diese Vermutung wird durch die Erkenntnis untermauert, dass das Lachen seinen Ursprung im limbischen System hat, einem entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil des Gehirns. Das Sprachzentrum muss sich im Laufe der Evolution später gebildet haben, da es im Cortex liegt, einer äußeren Gehirnregion.

Das Bild zeigt die Nachbildung eines Steinzeitmenschen in Originalgröße. Der Mensch ist dunkelhäutig, nur mit einem Fell um die Lenden bekleidet und hält einen Speer. (Rechte: Mauritius)Wenig zu la­chen – noch we­ni­ger zu sagen: der Stein­zeit­mensch

Seit wann lacht der Mensch?

Wie wichtig das Lachen in einer steinzeitlichen Welt ohne Sprache gewesen sein muss, macht folgendes Beispiel deutlich: Vor rund 2,5 Millionen Jahren hatte der Homo rudolfensis den Steinkeil entdeckt. Damit konnte er seinem Gegenüber also schon den Kopf einschlagen, war aber noch nicht in der Lage, mit ihm zu sprechen. Tagsüber konnten sich die Urmenschen, ähnlich wie Tiere, durch Überlegenheits- und Demutsgesten von einem solchen Tun abhalten. Nachts jedoch waren diese Gesten und die Mimik nicht zu sehen. Die Menschen waren damals auf Geräusche angewiesen. In den grunzenden “Ich-tue-dir-nichts-du-tust-mir-nichts”-Lauten unserer Vorfahren sehen viele Wissenschaftler die Ursprünge des Lachens. Zwar ist das Lachen heute nicht mehr so überlebenswichtig wie früher, doch auch bei heutigen sozialen Kontakten lassen sich ähnliche Muster erkennen. Sprechen beispielsweise zwei Menschen am Telefon miteinander, fühlen sie intuitiv, ob der Mensch am anderen Ende der Leitung lächelt. Der deutsche Lachforscher Carsten Niemitz fand heraus, dass ein Lächeln die Stimmmelodie, die Atmung und den Sprachrhythmus ändert.

Das Bild zeigt eine Gruppe lachender junger Menschen, die auf einer Wiese sitzen. (Rechte: dpa)Ge­mein­sam­keit durch La­chen

Sozialer Klebstoff

80 Prozent aller Lacher beruhen nicht auf einem Witz oder einer Pointe. Die meisten Menschen lachen, um ihrem Gegenüber bewusst oder unbewusst etwas mitzuteilen. Lachen ist also in erster Linie ein Mittel der Kommunikation. Wie wichtig diese non-verbale Sprache ist, zeigt folgendes Beispiel: Ein Chef macht einen Witz vor einem seiner Angestellten. Im Normalfall fängt der Chef dann lauthals an zu grölen und der Angestellte beginnt ebenfalls zu lachen, auch wenn er den Unterhaltungswert des Witzes als eher gering einschätzt. Nicht der Witz provoziert das Lachen des Angestellten, sondern die vermeintliche Erwartungshaltung seines Chefs: Mitlachen! Der Angestellte kommt dieser Erwartungshaltung meist nach, um den Chef in seiner Rolle als Chef zu bestätigen, da er sonst negative Konsequenzen befürchtet. Man stelle sich nur einmal vor, der Angestellte würde dem Chef sein zustimmendes Lachen verweigern. Forscher haben bei dieser Art des Lachens herausgefunden, dass der Vorlacher meist laut und vokal lacht. Die Menschen, die auf das Lachen reagieren, halten sich in der Lautstärke zurück.

Doch Lachen kann weitaus mehr zwischen Menschen vermitteln als bloße Machtpositionen. Lachen kann auch als Indikator für Sympathien oder Antipathien genutzt werden. Die Menschen in einer Reisegruppe etwa, die die kommende Woche miteinander verbringen werden, lachen sich nachgewiesenermaßen am Anfang dieser Zeit häufiger an als zum Ende. Schon in den ersten Stunden wird durch häufiges Lachen geklärt, wer sich innerhalb der Gruppe am sympathischsten ist. Das Lachen zeigt an, dass zwei Menschen sich freundlich gesonnen sind, dass sie sich gegenseitig zustimmen, also eine Basis an Gemeinsamkeiten haben. Dieser Gruppenfindungsprozess geschieht fast ausschließlich unbewusst. Die Lachkommunikation hat hier den Vorteil, dass die Gefühle nicht offen ausgesprochen werden und sich so auch niemand direkt verletzt fühlen muss. Aufgrund seiner Ordnungsfunktion innerhalb sozialer Gruppen bezeichnen viele Wissenschaftler das Lachen auch als soziales Schmiermittel oder als Klebstoff.

Großaufnahme eines lachenden Babygesichtes. Das Baby hat weder Haare noch Zähne. (Rechte: dpa)Auf jeden Fall echt: das Ba­by­la­chen

Die Lehre vom Lachen

Was und wie beim Lachen kommuniziert wird, untersuchen weltweit rund 200 Lachforscher, sogenannte Gelotologen (Gelos, griechisch für: lachen). Sie forschen dabei in zwei Richtungen: Die meisten Wissenschaftler untersuchen die Mimik beim Lachen, nur eine Handvoll beschäftigt sich mit den Geräuschen, die dabei entstehen. Lachforscher glauben mittlerweile zwischen echtem und falschem Lachen unterscheiden zu können. Ein echtes Lachen beginnt spätestens eine halbe Sekunde nach dem Lachreiz. Der Lachende schließt die Augen und schaut sein Gegenüber dann erst einmal nicht mehr an. Ein weiteres Indiz sind die Lachfalten. Ohne die ist das Lachen wahrscheinlich gespielt.

Beim Lachen geschieht Erstaunliches mit der menschlichen Stimme: In wenigen Millisekunden kommt eine herzhaft lachende Frau auf eine Tonhöhe von 1000 Hertz, wobei die normale Frequenz bei 100 Hertz liegt. Die Wissenschaftler sagen, dass der komplexe Vorgang des Lachens, also die Lachmelodie, die Grunz- und Schnarchlaute und die Veränderung der Tonhöhe unbewusst gesteuert werden und deshalb niemals glaubwürdig nachgeahmt werden können. Jeder Mensch erkenne instinktiv, ob das Lachen des Gegenübers echt sei.

Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009

Quelle:

http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/humor/lachen/index.jsp

 

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