Ödipus unter Wilden

Bei einem Bergvolk in Papua-Neuguinea versuchten zwei amerikanische Wissenschaftler zu ergründen, warum Männer homosexuell werden. *


Die Bewohner des Bergdorfes im östlichen Hochland von Papua-Neuguinea wunderten sich sehr: Zwei weißhäutige Fremde kamen eines Tages zu ihnen und fragten sie über ihr Intimleben aus – was und wie, wie oft und mit wem.

Die Antworten der Eingeborenen erstaunten wiederum die Bleichgesichter. Bei ihnen, berichteten die Wilden, würden die Knaben etwa vom siebten Lebensjahr an die unverheirateten Männer des Stammes per Mundverkehr (Fellatio) beglücken; kaum jedoch habe ein Mann die Ehe geschlossen, vergnüge er sich ausschließlich mit Frauen – und zwar ausgiebig, Seitensprünge seien statthaft.

Bei den zwei Fragestellern handelte es sich um den Psychoanalytiker Robert Stoller (von der University of California) und den Verhaltensforscher Gilbert Herdt (von der Stanford University). Ausgerechnet bei dem kriegerischen 2300-Seelen-Stamm der Sambia, die Mannestugenden wie Mut und Tapferkeit über alles stellen, suchten die Seelenforscher nach den “Ursachen der männlichen Homosexualität” – eine alte Streitfrage der Wissenschaft, die bislang ohne eindeutige Antwort blieb.

Die wissenschaftliche Urfehde um Homosexualität – erworben oder angeboren? – belebt seit Jahrzehnten die Kongresse und Fachblätter der Mediziner und Psychologen:
* Nach der Theorie der Hormonforscher (Endokrinologen)
bestimmt der Hormonspiegel im Mutterleib schon während
der Entwicklung des Fetus Triebrichtung und Triebstärke
des Menschen.
* Verhaltenspsychologen hingegen meinen, Homosexualität
werde im Jugendalter erlernt – etwa durch Verführung
oder andere Arten der Einübung homoerotischen
Verhaltens; wichtig sei dabei, daß die ersten
gleichgeschlechtlichen Erlebnisse von Orgasmen
begleitet würden.
* Fast alle Psychologen und Psychiater, die einer der
psychoanalytischen Schulen nahestehen, machen die
sogenannten ödipalen Phänomene für das Entstehen der
sexuellen Orientierung verantwortlich; Homosexualität
sei primär eine in früher Kindheit erworbene
Eigenschaft, die beispielsweise durch eine bestimmte
elterliche Konstellation (“dominierende,
überfürsorgliche Mutter – schwacher, unzureichender
Vater”) hervorgerufen werde.

Auch Stoller und Herdt beharren darauf, daß die Sambia ausschließlich durch die richtigen “ödipalen Erfahrungen” von lebenslangem homosexuellen Tun und Treiben abgehalten werden. Gleichzeitig widerlegten die beiden Wissenschaftler in ihrem in der Aprilausgabe des Fachblattes “Archives of General Psychiatry” erschienenen Bericht einige Grundlehren der Verhaltenspsychologie.

Nach den Theorien der Verhaltenspsychologen nämlich müßten die Sambia, die Homosex schon im Kindesalter einüben und lustvoll genießen, ein Volk von Schwulen und mithin längst ausgestorben sein. “Da müssen”, so die Experten mystisch, “andere Kräfte am Werk sein.”

“Wegen ständigen Krieges mit anderen Stämmen, des furchtbaren Wetters, sowie des Mangels an jagdbarem Getier”, so Stoller und Herdt, “benötigen die Sambia zum Überleben extrem maskuline Männer mit starkem heterosexuellen Trieb.” Frauen gelten als weitgehend unnütz, böse und übelwollend, sogar als “giftig”. Dennoch leben die Sambiakinder bis zu einem Alter von sieben bis zehn Jahren in engem, liebevollem Kontakt mit ihren Müttern. Dann jedoch werden sie den Müttern weggenommen und in den Wald getrieben, “wo die geheimen Initiationsriten der Mannwerdung beginnen”.

Dabei werden die Kinder gezwungen, sämtliche Junggesellen des Dorfes zu fellationieren – eine Praktik, die sie während der nächsten Jahre bis zur eigenen Geschlechtsreife nahezu täglich wiederholen und dabei “soviel Samen schlucken müssen wie möglich”. Dann werden sie wiederum zu Samenspendern der nächsten Generation. Denn die Sambia glauben, daß allein Samen Männlichkeit und Manneskraft erzeugt, ohne ihn bleibe der Mann gleichsam “ein leeres Gefäß”.

Doch die Knaben und Jünglinge unterziehen sich dieser Prozedur nicht allein aus rituellen Gründen, wie Stoller und Herdt herausfanden: “Nahezu alle Jungen geben sich der Fellatio mit feinem erotischen Enthusiasmus hin; die Kinder sind regelrecht darauf aus, zu saugen, die Jugendlichen, ihn reinzustecken.”

Auf diese Weise zu Männern gemacht, heiraten die Junggesellen etwa im 20. Lebensjahr – “nur wenige verheiratete Männer”, so die Beobachtung der Forscher, “machen es danach mit Boys”. Dafür treiben sie es häufig mit ihren Frauen: “Sie lieben”, so die Wissenschaftler, “ihre Lust auf das Weib.”

Solch Begehren nach dem Weibe jedoch dürfte, zerpflücken Stoller und Herdt die Lehre der Verhaltenspsychologen, “eigentlich nicht existieren”. Denn ihre erste sexuelle Stimulierung, ihr erstes orgastisches Lusterlebnis haben die männlichen Sambia durch und mit Geschlechtsgenossen erlebt – und sich trotzdem fast stets zu Männern mit heterosexueller Ausrichtung entwickelt.

“Homoerotische Erfahrungen in der Jugend”, schlußfolgern die Forscher, “führen also nachweislich nicht zwingend zur Homosexualität.”

Doch mit den Theorien der Endokrinologen, die biologische Faktoren als grundlegend für die sexuelle Orientierung ansehen, wagten sich Stoller und Herdt nicht in gleicher Konsequenz auseinanderzusetzen.

So meint etwa der Ost-Berliner Hormonforscher Günter Dörner, Leiter des Instituts für Endokrinologie an der Ost-Berliner Charite, in Rattenversuchen den Nachweis erbracht zu haben, daß Homosexualität schon im Mutterleib entsteht, verursacht durch Hormonstörungen während der Schwangerschaft.

Nach seiner Theorie übt in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft das männliche Sexualhormon Testosteron einen Einfluß auf bestimmte Regionen des Zwischenhirns aus; erhalte der Fetus zu wenig davon, so führe das zu einer weiblichen Disposition des Gehirns – der erwachsene Mann reagiert entsprechend auf sexuelle Reize und wird homosexuell. Umgekehrt führe beim weiblichen Fetus ein zu hoher Testosteron-Anteil später zu lesbischem Verhalten.

Für die These, Homosexualität sei angeboren, spricht auch der Umstand, daß der Hang zum eigenen Geschlecht seit Menschengedenken in allen Völkern und Kulturen bekannt ist – der Anteil der Homosexuellen in menschlichen Populationen war mit ungefähr fünf Prozent immer etwa gleich groß.

Die ausschließliche Fixierung auf das eigene Geschlecht, so auch das Fazit einer vor vier Jahren erschienenen Befragungsstudie des Kinsey-Instituts, sei “in der Persönlichkeit unausweichlich

und ebenso tief eingewurzelt wie Heterosexualität”, mithin weitgehend unabhängig von Umwelt-Faktoren.

Falls sich die Befunde der Hormonforscher und der Kinsey-Experten bestätigten, könnten sie wohl auch jene Pharisäer des “Normalen” eines Besseren belehren, die noch immer meinen, Homosexuelle brauchten nur zu einem Therapeuten oder zu einem Nervenarzt zu gehen, um sich von ihrem “Leiden”, ihrer “Perversion”, heilen zu lassen.

Doch eher produzierte der Papst die Pille, als daß Großwesire der Seelenkunde wie Stoller oder Herdt die seit Freud (der die Genitalien für “den Resonanzboden des Gehirns” hielt) geheiligte These über die Entstehung von Homosexualität in Frage stellten. Die Gültigkeit dieser Theorie versuchten die beiden Sambia-Erkunder ausgerechnet an dem einzigen Homosexuellen in dem von ihnen erforschten Muster-Gemeinwesen nachzuweisen.

Der Stammes-Schwule heißt Kalutwo. Viermal war er schon verheiratet, doch mit keiner Frau konnte er die Ehe vollziehen. Sein einziges Sexvergnügen finde er darin, so berichten die Forscher, “Jungs abzusaugen (to suck them off)” – typischer Fall von Ödipuskomplex, diagnostizierten die Analytiker aus Amerika.

Nach der Lehre Freuds durchläuft jedes Kind vom zweiten Lebensjahr an die “ödipale Phase”. Dabei verursachen das sexuelle Verlangen nach der Mutter und die dadurch entstehende haßvolle Eifersucht auf den Vater dem Knaben Furcht und Schuldgefühle (Mädchen erleben ein ähnliches Schicksal mit umgekehrtem Vorzeichen), die der Junge nur durch eine Art innerer Kapitulation zu überwinden vermag. Er opfert seine unerfüllbaren Wünsche nach Sex mit der Mutter, anerkennt die väterliche Autorität und “identifiziert” sich mit ihr.

Die Möglichkeit zu solcher Identifikation mit dem Papa, so die Deutung der Forscher, habe Kalutwo gefehlt: Der unehelich geborene Junge sei ohne männliche Bezugsperson aufgewachsen und habe sich daher nicht von der übermächtig gewordenen Mutter lösen können – ganz im Gegensatz zu seinen Geschlechtsgenossen, die in “geordneten” Verhältnissen aufwuchsen.

Dabei übersehen die beiden Psycho-Experten, daß auch die anderen Sambia-Kinder ihre ödipale Phase nicht gerade nach dem Lehrbuch der Psychoanalyse durchlaufen. Denn die Buben wachsen als ausgemachte Muttersöhnchen auf, “ihre Väter halten sich von der Familie fern” – in den ersten zwei Lebensjahren des Säuglings dürfen die Männer, eine rituelle Form der Geburtenkontrolle, ihre Frauen nicht einmal berühren.

Frühestens im siebten Lebensjahr des Kindes üben die Väter Autorität aus, nämlich dann, wenn sie ihre Kinder in die Männergesellschaft der Sambia einführen – zu einem Zeitpunkt also, da nach psychoanalytischem Denkmodell die kindliche Sexualität schon weitgehend geprägt ist.

Über solche Widersprüche freilich trösten sich Stoller und Herdt hinweg: “Über das Sexualleben ist bisher viel zu wenig bekannt.”

Quelle:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513941.html

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